Aktuelle Erkenntnisse deuten darauf hin, dass Stimulanzien, die häufig bei Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung (ADHS) verschrieben werden, die Aufmerksamkeit nicht direkt verbessern – wie bisher angenommen.
Stattdessen zeigt die Forschung, dass diese Medikamente vor allem auf die Belohnungs- und Wachheitszentren im Gehirn wirken. Dadurch steigt die Wachsamkeit und das Interesse an Aufgaben nimmt zu.
ADHS-Medikamente neu gedacht
Mehr als sieben Millionen Kinder und fünfzehn Millionen Erwachsene leben mit ADHS – einer neurodevelopmentalen Störung, die sich durch Probleme bei Fokus und Impulskontrolle auszeichnet.
Seit Jahrzehnten gehören Medikamente wie Adderall, das auf Amphetamin-Salzen basiert, und Ritalin, das auf Methylphenidat basiert, zu den zentralen Behandlungsmethoden.
Eine neue Studie von Forschenden der Washington University School of Medicine in St. Louis, Missouri, die im Fachjournal Cell veröffentlicht wurde, schlägt nun ein erweitertes Verständnis ihres Wirkmechanismus vor.
Das Team analysierte Daten von fast 6.000 Kindern im Alter von 8 bis 11 Jahren mithilfe der funktionellen Magnetresonanztomografie (fMRT), einer Methode, die Gehirnaktivität über Veränderungen des Blutflusses abbildet.
Die Forschenden verglichen Kinder, die Stimulanzien einnahmen, mit Kindern ohne medikamentöse Behandlung. Die Ergebnisse zeigten: Statt direkt die Aufmerksamkeitsregionen zu beeinflussen, regen die Medikamente offenbar vor allem Bereiche an, die mit Belohnung und Wachheit zu tun haben.
Das deutet darauf hin, dass bessere Aufmerksamkeit vor allem ein Nebeneffekt von gesteigerter Wachsamkeit und erhöhter Belohnungswahrnehmung ist. Das macht Aufgaben attraktiver.
Zusammenspiel von Medikament und Schlaf
Außerdem stellte die Studie fest, dass diese Medikamente ausreichenden Schlaf imitieren können und so die kognitiven Folgen von Schlafmangel bei Kindern mit ADHS, die oft an Schlafstörungen leiden, teilweise ausgleichen.
Kinder, die Medikamente einnahmen und weniger als neun Stunden schliefen, schnitten akademisch und kognitiv besser ab als schlaflose Kinder ohne Medikamente.
Dieses Muster zeigte sich nicht bei neurotypischen Kindern, die genügend schliefen – das heißt, Medikamente sind kein Ersatz für gesunden Schlaf.
Obwohl diese Ergebnisse neue Einblicke in die ADHS-Therapie liefern, betonen die Forschenden, dass weitere Studien nötig sind, um die langfristigen Auswirkungen auf das Gehirn vollständig zu verstehen.
Ärzt*innen wird geraten, auch Schlafmuster als entscheidenden Faktor in der Diagnostik und Behandlung von ADHS zu berücksichtigen.